ZUR WIRKUNGSWEISE DES QIGONG

Bereits in den ersten westlichen Veröffentlichungen zum Thema Qigong war von sagenumwobenen, quasi übernatürlichen Kräften die Rede, über die manche Qigong-Meister verfügen. Es waren in den modernen Wissenschaften ausgebildete Mediziner wie die Ärztin Frau Dr. med. Josephine Zöller oder der amerikanische Arzt Dr. Eisenberg, welche diese Phänomene beschrieben und damit große Hoffnungen weckten, derartige Möglichkeiten des Qigong auch hier im Westen zu entwickeln.

Die Übungen, welche zur damaligen Zeit nach ihrer Verbreitung in China auch im Westen populär wurden, waren hierzu allerdings nicht unbedingt geeignet, so dass diese Kapazitäten des Menschen in den Bann mystischer Spekulation, allenfalls in den Ruf von Ausnahmemöglichkeiten gerieten.

Nach der Verbreitung von allgemein gesundheitsfördernden Übungen des Qigong steigt nun in China die Nachfrage nach weiterführenden Übungssystemen.

Prof. Guo Bingsen unterrichtet derartige fortgeschrittene Übungen, welche bis zur Meisterschaft im Qigong hinzuführen vermögen, auch im Westen in systematischer Form.

Unter "Meisterschaft im Qigong" verstehen wir die auf eigenem Üben basierende Fähigkeit, Qi wirksam auszusenden, ohne sich selbst dabei zu schaden.

Als "Nebeneffekt" können diese Übungen darüberhinaus jeweils individuell unterschiedliche besondere Fähigkeiten (z. B. den Röntgenblick, die Möglichkeit der Fernsicht in Raum und Zeit, Gedankenübertragung usw.), das jedem auf seine Art mitgegebene humane Potential entfalten.

Nach den Beobachtungen von Prof. Guo sind die Teilnehmer von Qigong-Kursen im Westen oftmals sensibler für Qi und die damit zusammenhängenden Phänomene als in China selber.

Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Teilnahme an derartigen Kursen im Westen oftmals das Ergebnis individuellen Suchens und Hingezogenseins darstellt, während in China Qigong mittlerweile so populär ist wie hierzulande Fußball und keine kulturell bedingten Hemmungen bestehen, es einmal damit zu versuchen. Die Rezeptivität für Qi ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ebenso wie ja auch die Fähigkeit, gut Fußball spielen zu können, nicht nur eine Frage des Trainings ist.

Die folgenden Ausführungen begreifen sich im System traditionellen chinesischen Denkens; die Erklärung derartiger Phänomene nach den Kriterien der modernen Wissenschaft wird v.a. in China versucht, doch stößt sie auf die Schwierigkeit unterschiedlicher interpretatorischer Paradigmen: während die modernen Wissenschaften objektivierend vorgehen, die Unabhängigkeit des Beobachters postulieren, ist die Voraussetzung zum Verständnis des Qigong dessen untrennbare Involviertheit mit seinem Gegenstand.

Vielleicht ist das Unwahrscheinliche, das Unglaubliche, welches die oben angedeuteten Fähigkeiten zu kennzeichnen scheint, vergleichbar dem Unwahrscheinlichen, das ein Krabbelkind angesichts von gehenden, laufenden, springenden Mitmenschen empfinden mag?

Die positiven Auswirkungen des Qigong auf Gesundheit und Wohlbefinden werden wohl von den meisten, die es praktizieren, schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit erfahren.

Kursankündigungen singen regelmäßig ein Loblied auf diese wohltuenden, stressmindernden und Körper/Geist/Seele stabilisierenden Übungen. Zurecht.

Aber kann man mit Qigong heilen? - Andere, Mitmenschen, durch das Aussenden von Qi im Genesungsprozess unterstützen?

Vor einigen Jahren war dies in China sehr populär: Qigong-Heiler wurden in Krankenhäusern eingestellt, um Patienten mithilfe von Qi-Übertragungen von ihren Krankheiten zu befreien.

Nach den Aussagen von Prof. Guo ging diese Praxis in den letzten Jahren sehr zurück. Die Qigong-Meister waren durch allzuhäufige Qi-Übertragung ausgebrannt. Die Erfordernisse des Massenbetriebs an modernen Krankenhäusern mit vielleicht 30 - 40 Qi-Behandlungen pro Tag können durch eigenes Üben kaum ausgeglichen werden.

Das Aussenden von Qi wird im Rahmen der Theorie der Chinesischen Medizin folgendermaßen erklärt:

Die Nieren speichern das ererbte Qi, Yuan-Qi, welches sich im Verlauf des Lebens allmählich bis zum Tode hin verbraucht.

Qigong-Übungen setzen diesem natürlichen Verlauf etwas entgegen: im regelmäßigen Praktizieren wird reines, kosmisches Qi aufgenommen, welches sich mit dem Qi der Atmung und dem Qi der Nahrung zu Zong-Qi verbindet. Zong-Qi schützt das ererbte Qi. Auf diese Weise trägt Qigong zur Lebensverlängerung bei, denn Zong-Qi wird vor Yuan-Qi verbraucht.

Das Aussenden von Qi ist sehr leicht zu erlernen, die Versuchung dies dann auch gleich anzuwenden, verständlicherweise groß. Auch im Aussenden von Qi wird zunächst Zong-Qi abgegeben, ist dies verbraucht, geht es dem Therapeuten "an die Nieren". Er sendet sein eigenes, ererbtes Qi aus, unterstützt andere, verkürzt damit aber sein eigenes Leben.

Ein weiteres Beispiel aus dem Qigong: eine junge Frau hatte die - in diesem Fall angeborene - Fähigkeit des "Röntgenblicks": Ihr Drittes Auge war geöffnet, ihre individuelle Fähigkeit war es, Krankheiten durch bloßes Betrachten genau diagnostizieren zu können. Ein Qigong-Meister bot ihr Zusammenarbeit an und vermittelte ihr die grundlegenden anatomischen Kenntnisse. Was er aber versäumte, war, sie in Übungen zu unterrichten, welche ihr in den Diagnoseerstellungen verbrauchtes Qi wieder ergänzen hätten können. Sie verlor diese Fähigkeit. Ein stetig geöffnetes und beanspruchtes Drittes Auge verbraucht viel Energie.

Das Phänomen des "Ausgebranntseins" ist im Westen v.a. bei Ausübenden therapeutischer und helfender Berufe nicht selten zu beobachten. In unseren Qigong-Kursen stellen wir immer wieder fest, dass z.B. Shiatsu-Therapeuten zunächst einmal, bevor sie die eigentlich typischen warmen Hände und Füße während des Übens entwickeln, sehr viel kalte Energie ausscheiden: manchmal geht dies so weit, dass deren Extremitäten zu Beginn des Übens regelrecht blaugefroren erscheinen (ein Phänomen, das sie normalerweise im Alltag nicht haben).

Die Theorie des Qigong erklärt dies folgendermaßen:

Man kann nicht gleichzeitig geben und nicht geben. Wer Aufmerksamkeit und Zuwendung an andere gibt, gibt auch Qi - vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu sein. Wer andere berührt, in Massage oder anderen Körpertherapien, gibt Qi. Qi durchdringt den gesamten Kosmos, im mitmenschlichen Kontakt wird es ausgetauscht. Nach dem Prinzip der kommunizierenden Gefäße findet ein Niveauausgleich statt, es fließt vom höheren zum niedrigeren Niveau bis Gleichstand erreicht ist. Jeder hat die Möglichkeit, diesen Verlust an eigener Körpersubstanz durch geeignete Übungen auszugleichen, in diesen ausreichend Zong-Qi aufzubauen, so dass Yuan-Qi erhalten bleibt.

Dieser Energieaustausch, welcher zunächst auf unbewusster, nicht entwickelter natürlicher Ebene erfolgt, verläuft ebenso in die Gegenrichtung: in jeder Behandlung nimmt der Therapeut auch die verbrauchte Energie seines Patienten/Klienten auf: da er normalerweise mehrere Personen pro Tag behandelt, ist diese von ihm aufgenommene verbrauchte Energie ein Konglomerat von Energien verschiedenster Provenienz. Diese akkumulieren sich über die Jahre, sind zunächst potentiell, später akut schädigend und führen zu den genannten Symptomen des Ausgebranntseins und der frostigen Hände und Füße zu Beginn des Qigong-Übens, welche in der Regel ganz besonders deutlich in den ausleitenden Übungen, wie sie zum Beispiel das Fan Teng Gong kennt, wahrnehmbar sind.

Die hier ausgeführte Theorie des Qigong konnte ich durch Beobachtungen an mir selber und an anderen immer wieder bestätigen. Freilich bleibt es jedem selbst überlassen, sie zu akzeptieren oder nicht, ebenso wie es jedem selbst überlassen bleibt, wo er "neue Kraft schöpfen", "frische Energie tanken" will: einige mögen eine Neigung zum Qigong verspüren, andere bevorzugen andere Methoden.

Das Qigong, von dem hier ja die Rede ist, wirkt auf dreierlei Ebenen:

es leitet verbrauchtes Qi aus und reguliert die körperlichen Prozesse,

es akkumuliert reines Qi,

es transformiert akkumuliertes Qi.

Die Ausleitung von verbrauchtem Qi dient der Reinigung des eigenen Körpers, die Akkumulation von reinem Qi schützt das ererbte Qi, die Transformation von akkumuliertem Qi entwickelt die Qualität des ausgesendeten Qi.

Diese drei Ebenen der Wirksamkeit des Qigong können nicht streng voneinander getrennt werden: jede primär ausleitende Übung beinhaltet gleichzeitig die Aufnahme von reinem Qi, jede Übung mit dem Ziel, reichlich Qi aufzunehmen, transformiert dieses auch usw.

Jedes weiterführende Qigong beinhaltet jedoch alle dieser drei Stufen.

Im Nei Jing Gong, dem von Prof. Guo gelehrten System sieht dies konkret folgendermaßen aus:

Der erste Teil des Nei Jing Gong besteht aus fünf Übungen zur Retablierung sämtlicher Organfunktionen der Übenden, danach folgt eine Übung, welche die Basis legt zur Entwicklung der Fähigkeit, Qi auszusenden, sowie eine weitere, welche die Basis legt zur Entwicklung der Fähigkeit, Qi reichlich aufzunehmen.

Der zweite Teil des Nei Jing Gong dient vor allem der reichlichen Aufnahme von Qi. In dieser Aufnahme wird das Qi in seinen verschiedenen Modifikationsformen erfahrbar und erzeugbar. So existiert eine Übung, welche den spiraligen Energiefluss entwickelt: im Übenden selber, aber auch mit dem Ziel, Qi einmal in spiraliger - also weiterreichender, wirksamerer - Form aussenden zu können; es existiert eine Übung, welche Yin-Qi (kühlende Energie) erfahrbar und erzeugbar macht: erfahrbar für den Übenden und für Außenstehende als den gesamten Körper umgebende angenehme Kühle, erzeugbar im Aussenden von Qi speziell zur Linderung von Yang-Fülle; es existiert eine Übung, welche die Fähigkeit entwickelt, Qi auszudehnen und zu komprimieren; es existiert eine Übung, welche die Fähigkeit entwickelt, im Moment des Aussendens von Qi selber gleichzeitig reichlich Qi aufzunehmen, um damit die "Vorräte" wieder aufzufüllen. Dies sind nur einige Beispiele.

Im dritten Teil des Nei Jing Gong geht es darum, die dann vorhandene Quantität von Qi weiter in ihrer Qualität zu verbessern: dies reicht bis zu der Entwicklung der Fähigkeiten, Wasser mithilfe des eigenen Qi in Bewegung zu versetzen oder Knochenbrüche mit Qi zu heilen. Dieser dritte Abschnitt des Nei Jing Gong wurde bislang noch nicht an Europäer unterrichtet.

Nachdem alle drei Abschnitte des Nei Jing Gong regelmäßig und ausdauernd praktiziert wurden, sind wirksame Qi-Übertragungen an Einzelpersonen kein Problem mehr.

Eine sehr entwickelte Form der Qi-Übertragung ist das Energiefeld. Die Fähigkeit, dieses durchzuführen, stellt sich nicht unbedingt nach Durchlaufen aller Stufen des Nei Jing Gong ein - auch in China gibt es nur wenige Meister, die wirksame Energiefelder durchführen können. In dessen Verlauf kommt es bei manchen Teilnehmern aufgrund der im Raum hochkonzentrierten Energie zu spontanen Bewegungen und Äußerungen mit stark kathartischer Wirkung - und zwar ohne dass die Beteiligten selber Übungen durchführen.

Prof. Guo weist jedoch nachdrücklich darauf hin, dass zwischen den im geschützten Rahmen eines Energiefeldes einsetzenden spontanen Bewegungen und den etwa in der letzten Sequenz des Kranich-Qigong selbst induzierten freien Bewegungen unterschieden werden muss: der schützende Raum des vom Meister kontrollierten Energiefeldes ist erstens wirksamer und zweitens hat er nicht das Risiko des "Entgleisens": ebenso wie ein Meister imstande ist, ein Energiefeld in Gang zu setzen, muss er es auch kontrollieren und beenden können.

Qi-Übertragungen sollten weder in Einzelsitzungen noch im Rahmen des Energiefeldes dazu benutzt werden, von der Energie anderer profitieren zu wollen, mit dem Ziel, sich um eigenes Üben, die regelmäßige eigene Arbeit, herumzudrücken. Zwar können Qi-Übertragungen die eigene "Arbeit mit Qi" unterstützen und befördern, doch liegt es auf der Hand, dass eine derartige Konsumhaltung für keine der beiden Parteien von Vorteil ist: setzen sie nur auf den Meister und seine Kraft, bringen sich die Übenden in Abhängigkeit von ihm - gibt umgekehrt der Meister nur Qi und nicht auch adäquate Übungen, um dieses selbsttätig zu entwickeln, so wird er vielleicht Anhänger haben, aber keine Schüler und Nachfolger.

Die Philosophie des Qigong, wie sie sich im Rahmen des Buddhismus und Daoismus entwickelte, hat immer zum Ziel, hemmende Abhängigkeiten abzustreifen, das humane Potential auf selbstverantwortliche und mündige Weise zu entfalten.

http://qigong-daoyuan.net/

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