Business Class
Weders Stilles Qigong
von Martin Suter
| Weder steht mit geschlossenen Augen in Socken im Büro. Aus
der Micro-Stereoanlage klingt leise meditative Musik. Er hat da Jackett
ausgezogen und die Krawatte gelockert und entspannt die Stelle zwischen den
Augenbrauen nach vorn, bis eine Empfindung von Weite und Helligkeit in
seiner Stirn entsteht. Danach geht er zur zweiten vorbereitenden Übung. Er
lässt kurz fernste Geräusche ins Ohr eindringen, um ein Gefühl von Ruhe und
Raum entstehen zu lassen. Das Fernste ist das Klicken der Tastatur von Frau Zehnder, die im Vorzimmer darüber wacht, das er nicht gestört wird. Er lauscht dem Klicken so lange, bis sein Atem leicht, lang, gleichmässig und tief wird. Jetzt lässt er das Lächeln entstehen. Er lässt seine Mundwinkel leicht nach oben wandern und beobachtet mit seinem inneren Auge, wie sich im Gesicht ausbreitet. Warm, ruhig und hell stellt sich ein Gefühl sanfter, freundlicher Heiterkeit ein. Er lächelt aus den Augen. Er lächelt aus dem Scheitel. Er lächelt aus der Brust. Das sanfte, warme Gefühl, das durch das Lächeln ausgelöst wird, breitet sich im ganzen Körper aus bis in die Hände und Füsse. Weder würde sich gerne einmal in einem grossen Spiegel sehen als diese Verkörperung eines einzigen milden Lächelns. Jetzt ist er bereit für die Stehübung: Er beginnt sich zu verwurzeln. Von seinen schulterbreit auseinander gestellten Füssen wachsen dicke Wurzeln durch den Spannteppich, den Fussboden, das Büro von Wüthrich, Finanz, und weiter durch das Marketing, die Disposition, die Administration, den Empfang, das Archiv und die zwei Stockwerke der Tiefgarage. Sie finden Halt in der kühlen, lehmigen Erde tief unter dem Grundwasserspiegel. Er zieht das Kinn ein wenig an und dehn den Nacken. Sein Scheitelpunkt hebt jetzt seinen Kopf hinauf. Hinauf durchs grosse Sitzungszimmer, hinauf durch die Dachterrasse, auf der an schöneren Sommertagen der Unternehmensleitung zuweilen ein kalter Imbiss serviert wird, hinauf durch Hochnebeldecke, hinauf durch die Ozonschicht. Er verankert sich fest im Weltall. Das ist Weders Lieblingsstelle bei dieser Übung. Dieses Heranwachsen zu seiner wahren inneren Grösse. Er weitet die Brust, lockert die Schultern, drückt den Kreuzbereich leicht nach hinten und zieht den Dammpunkt etwas an. Er geht in die Knie, als setzte er sich auf deinen imaginären Hocker, und Hebt die Arme auf Brusthöhe in einer Geste des Umarmens. Langsam gewinnt er das Gefühl, als umarme er einen Ballon. Und dann wird nach und nach aus dem Ballon der Erdball. So steht Weder gegen zwanzig Minuten auf dem kastanienbraunen Wollteppich seines Büros und umarmt schweigen den Erdball zu Harfe und Klangschale. Dann löst er sich auf seiner Verankerung im Weltall und seiner Verwurzelung im Erdinnern, richtet sich auf und sammelt das Qi im unteren Dantian. Erst jetzt öffnet er die Augen, reibt die Handflächen gegeneinander, bis sie warm werden, und massiert die Meridianpunkte des Kopfes. Zum Abschluss klopft er Arme und Beine von oben nach unten ab, zieht Schuhe, Krawatte und Jackett wieder an und schaltet die Musik ab. Das Lächeln behält er auf. Derart aufgebaut, macht er sich an den Abbau einiger Personalpostitionen. |
Der Schriftsteller Martin Suter lebt in Spanien und Guatemala.